Salzburg Biennale – Festival for New Music 2009, Komponisten: Toshio Hosokawa, Klaus Huber, Steve Reich, Mauricio Sotelo, Anton Webern;  verschiedene Interpreten: NEOS 50905-08, 2 DVDs (2011)

Mauricio Sotelo »Cripta. Música para Luigi Nono« (2004–2005/2008)
Ein Jahr vor seinem Tod hatte Luigi Nono (verstorben am 8. Mai 1990) seinen Schüler Sotelo angeregt, den andalusischen »cante jondo« zu studieren. Nach Nonos Tod stellte sich heraus, dass er vorgehabt hatte, Worte aus Federico García Lorcas »Sonetos del amor oscuro« zu vertonen. Auf diesen Pfeilern aufbauend, schrieb Sotelo 2004–05 in einer ersten Fassung die »Cripta sonora para Luigi Nono«, »eine Art spektrale Architektur in langsamer Verwandlung«, in welcher »nicht nur die Töne und Interpreten […] die imaginären Territorien durchwanderten«, sondern auch »der Zuschauer selbst, der sich bewegte und dem Unbekannten nachging«.

»Flamenco. Zwei Stücke aus Puro y hondo«
Der Flamenco ist im Schmelztiegel des islamischen Andalusien aus maurischen, jüdischen und präislamischen Einflüssen sowie der reich amalgamierten Musik der Zigeuner (gitanos) als einzigartiger musikalischer Ausdruck menschlicher Existenz entstanden. Er fasziniert bis heute mit rauer, undomestizierter Schönheit. Man unterscheidet den »cante jondo« mit seinen tragischen, leidenschaftlich verzweifelten, schwermütigen Inhalten, und den leichteren, den heiteren Seiten des Lebens zugewandten »cante chico«.
Typisch für den hier vertretenen »cante jondo« ist die rauchige Farbe und explosive Präsenz der Singstimme, die von virtuosem Gitarrenspiel, Kastagnetten und animierendem Händeklatschen kontrapunktiert wird.

Steve Reich: »City Life für verstärktes Ensemble und Tonband« (1995); »Music for 18 Musicians« (1973–1976)
In beiden Werken von Steve Reich ist es die verfremdet hypnotische Atmosphäre, verbunden mit dem treibenden rhythmischen Sog, die den Zuhörer auf eine imaginäre Reise mitnimmt. Diese Reisen sind sehr unterschiedlicher Natur.
»City Life« ist ein emphatisches, manchmal fast beklemmendes Porträt der Metropole New York. »Music for 18 Musicians« wurde Ende der 1970er Jahre schnell zu einem der erfolgreichsten Werke Reichs, einem Klassiker der Minimal Music, dessen besonderer Reiz in der beständigen Aufrechterhaltung der Grauzone zwischen statisch Gleichbleibendem und dynamisch sich Veränderndem besteht.

»Gamelanmusik aus Bali«
Gamelan ist eine einzigartige Musiktradition, die sich in Indonesien wahrscheinlich seit der Errichtung des ersten buddhistischen Tempels im 9. Jahrhundert gebildet und zu einer Hochkultur, vergleichbar asiatischen oder abendländischen Musikkulturen, entwickelt hat. Das Wort Gamelan geht auf gamel (handeln, handhaben) zurück. Die balinesische Tradition unterscheidet sich in ihrer explosiven Impulsivität deutlich von der javanesischen. Auch auf Bali haben sich lokal in tagtäglicher Praxis unterschiedliche Stile herausgebildet. Das Ensemble aus Tunjuk spielt sowohl rituelle hinduistische als auch reine Konzertmusik, sowohl tradierte als auch neue Werke, die bei aller Komplexität nie notiert werden.

Toshio Hosokawa: »Silent Flowers für Streichquartett« (1998); »In Ajimano« (aus »Somon-Kai«, 2001)
»Silent Flowers«, Hosokawas drittes Werk für Streichquartett, hat seinen Ausgangspunkt im Symbol der Blume, die kunstreich in einem Ikebana-Gesteck arrangiert, bis zu ihrem völligen Ersterben ein mumienhaftes Leben nach dem Leben lebt. Aus der Musik des Nô-Theaters stammt der Brauch der mit hartem Geräusch verbundenen, abrupten Klangabrisse mit nachfolgender Pause.
»In Ajimano« bezieht sich auf die Koto-Musik der Edo-Zeit. Der Text stammt aus den »Somonka«-Liebesgedichten (Gedichte gegenseitigen Erhörens) aus der Sammlung »Manyoshu« (um 760):

Anton Webern: »Sechs Bagatellen für Streichquartett op. 9« (1911/1913); »Fünf Sätze für Streichquartett« op. 5 (1909)
Die »Sechs Bagatellen für Streichquartett« sind nicht zusammenhängend entstanden. 1911 schrieb Webern die Nummern 2 bis 5, die er zu diesem Zeitpunkt als sein »II. Streichquartett« ansah. 1913 komponierte er ein drittes, dreisätziges Quartett, dessen Mittelsatz zusätzlich mit Gesang (auf Worte Weberns: »Schmerz, immer blick nach oben«) versehen war. Doch dann nahm er diesen Satz heraus und verwendete die Ecksätze als Rahmensätze seines »II. Quartetts«, das er in der Folge in »Sechs Bagatellen für Streichquartett op. 9« umbenannte.
Webern hatte seine »Fünf Sätze für Streichquartett« im Juni 1909 als 25-Jähriger vollendet und bezeichnete sie zunächst als »Streichquartett op. 3«. Sie markieren seinen endgültigen Aufbruch in die komprimierte Abstraktion eines konstruktiven Expressionismus. Bei seiner Aufführung während des IGNM-Festes 1922 in Salzburg löste die Musik eine Schlägerei aus.

Helmut Lachenmann: »temA für Flöte, Stimme und Violoncello« (1968)
In »temA« lässt Lachenmann – Ende der sechziger Jahre eine Novität – das Atmen als zentrale, Form bildende Funktion den Prozess mitbestimmen, und verwendet ein weites Spektrum instrumentaler Geräusche teils sehr naturalistischer Wirkung.

Traditionelle japanische Musik für Koto: Yatsuhashi Kengyô: »Rokudan (Danmoto) «
Die Koto, der »liegende Drache«, ist eine Wölbbrettzither, deren 13 Saiten mit verschiebbaren Stegen gestimmt und mit drei Plektren angerissen werden. Yatsuhashi komponierte neben seinen Liedern auch einige wenige Koto-Solostücke (Danmoto), unter welchen Rokudan das bekannteste ist. Es ist eine Suite in sechs »Stufen« zu jeweils 52 metrischen Einheiten, in welchen die melodische Entwicklung eine allmähliche Steigerung des Reichtums erfährt, um zum Ende zur Ruhe zu finden.

Traditionelle japanische Musik für Shakuhachi: »Koku (Leerer Himmel)«; »Tsuru no sugomori (Nistende Kraniche)«
Die Shakuhachi ist eine Bambusflöte mit fünf Grifflöchern, auf welcher der kunstfertige Spieler sämtliche Töne der chromatischen Skala hervorzubringen vermag.
Koku ist eines der drei ältesten Honkyokus (Hauptstücke) der Fuke-Schule; es wurde bereits im 13. Jahrhundert vom Zen-Meister Kyochiku in einem Traum empfangen, in dem er Erleuchtung erfuhr. Die Musik symbolisiert die Leere, die Befreiung von den Fängen der Welt, in einem getragenen und einem ornamentischen Abschnitt, die Ruhe und die Freude des losgelösten Seins symbolisieren.
Tsuru no sugomori, ein Kernstück des Shakuhachi-Repertoires, ist in zehn Fassungen überliefert. Die Musik ist naturalistisch, ohne die menschlichen Empfindungen in den Vordergrund zu stellen – ein großer Lebensbogen wird dargestellt mit allen verfügbaren Mitteln von Ton und Geräusch, und zugleich ein Stück Musik wie von der Natur selbst komponiert.

Klaus Huber: »Die Erde dreht sich auf den Hörnern eines Stieres«; »Assemblage für vier arabische und zwei europäische Musiker und Tonband« (1992–1994) auf Texte von Mahmud Doulatabadi
»Die Erde bewegt sich auf den Hörnern eines Ochsen. Was bei dieser Bewegung gehört wird, ist das Geräusch vom Zermalmen des Gleichgewichts und gleichzeitig die Sehnsucht danach.« Dieses Zitat des persischen Schriftstellers Mahmud Doulatabadi, auf welches Klaus Huber im März 1992 stieß, inspirierte ihn nicht nur zu vorliegender Komposition, sondern löste überhaupt seine bis heute währende Auseinandersetzung mit der orientalischen Musikkultur aus.
»Die Erde dreht sich auf den Hörnern eines Stieres«, wie der Werktitel in der endgültigen Fassung lautet, besteht aus 11 »Sequenzen« zu je 200 Sekunden und einem Epilog. Die vier arabischen Musiker (Sufi-Sänger, Ney, Kanun und Trommeln) improvisieren abschnittsweise aufgrund festgelegter Rhythmen und gegebener Tonskalen.
»Ecce homines für Streichquintett« (1998)
Über sein Streichquintett »Ecce homines« sagt Klaus Huber: »›Ecce homines‹ sehe ich als eine labyrinthische Fortsetzung meines zweiten Streichquartetts ›…von Zeit zu Zeit…‹ (1984/85) und des Streichtrios ›Des Dichters Pflug‹ (1989). […] Im zweiten Streichquartett erreichte meine Arbeit mit vierteltönigen Intervallstrukturen, die ich Mitte der sechziger Jahre begonnen hatte, einen Kulminationspunkt; das Trio war das erste künstlerische Produkt meiner Auseinandersetzung mit Dritteltönigkeit. Im Streichquintett bringe ich diese beiden Welten nicht nur in unmittelbare gegenseitige Berührung, sondern löse damit auch eine sanfte Konfrontation ihrer immanenten Konsequenzen aus.« Christoph Schlüren

Inhalt:
DVD 1
Mauricio Sotelo (*1961): Cripta. Música para Luigi Nono (2004–2005/2008) (Arcángel, flamenco singer; oenm . oesterreichisches ensemble für neue musik; Salzburger Bachchor; Beat Furrer, conductor. Excerpts from the concert • Interview with Beat Furrer

Flamenco: Two pieces from Puro y hondo [Arcángel, flamenco singer; Miguel Ángel Cortés, guitar; Agustín Díaz Sera, percussion; Antonio and Manuel Saavedra, chorus/clapping

Steve Reich (*1936): City Life for amplified ensemble and tape (1995)
1. Check it out
2. Pile driver/alarms
3. It’s been a honeymoon – can’t take no mo’
4. Hartbeats/boats and buoys
5. Heavy smoke [oenm . oesterreichisches ensemble für neue musik; Johannes Kalitze, conductor)

Steve Reich (*1936): Music for 18 Musicians (1973–1976)
I – II – IIIa – IIIb – IV – V – VI – VII – VIII – IX – X – XI (oenm . oesterreichisches ensemble für neue musik; Via Nova Percussion Group; Synergy Vocals)

Gamelan Music from Bali (Ensemble Taruna Mekar; I Madé Arnawa, director)
Excerpt from the concert
 
DVD 2
Toshio Hosokawa (*1955): Silent Flowers for string quartet (1998) (Quatuor Diotima)
Anton Webern (1883–1945): Sechs Bagatellen für Streichquartett op. 9 (1911/1913)
Quatuor Diotima)

Anton Webern (1883–1945): Fünf Sätze für Streichquartett op. 5 (1909)
(Quatuor Diotima)

Helmut Lachenmann (*1935): temA for flute, voice and violoncello (1968) (Irmgard Messin, flute; Anna Maria Pammer, voice; Peter Sigl, violoncello)

Traditional Japanese Music for Koto. Yatsuhashi Kengyô (1614–1685): Rokudan (Danmoto) (Kyôko Kawamura, koto)

Toshio Hosokawa (*1955): In Ajimano from Somon-Ka for voice, koto, violoncello and ensemble (2001) (Kyôko Kawamura, koto/voice; Peter Sigl, violoncello; oenm . oesterreichisches ensemble für neue musik; Toshio Hosokawa, conductor)

Traditional Japanese Music for Shakuhachi: Koku, Tsuru no sugomori (Tadashi Tajima, shakuhachi)
Excerpts from the concert • Interview with Toshio Hosokawa

Klaus Huber (*1924): Die Erde dreht sich auf den Hörnern eines Stieres, Assemblage for four Arabic and two European musicians and tape (1992–1994) to texts by Mahmud Doulatabadi (Hasan Altnji, sufi singer; Julien Jalâl Eddine Weiss, qânun/artistic director; Ziad Kadi Amin, ney; Adel Shams El Din, riqq; Predrag Katanic, viola; Manuel de Roo, guitar; EXPERIMENTALSTUDIO des SWR, tape; Klaus Huber, sound director)
Excerpts from the concert • Interview with Klaus Huber

Klaus Huber (*1924): Ecce Homines for string quintet (1998) (stadler quartett; Sergey Malov, viola)

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